Wenn der Kopf überläuft: Warum ein simples Blatt Papier mein bester Anker ist

Hand aufs Herz: Kennst du diese Tage, an denen im Kopf einfach zu viele Tabs gleichzeitig offen sind? Man will fokussiert arbeiten, aber die Gedanken springen wie Ping-Pong-Bälle hin und her. Manchmal fühlt es sich an wie dichter Nebel – man weiss, dass da irgendwo der Weg ist, aber man sieht ihn vor lauter Chaos nicht mehr.

Ich habe für mich vor etwa zwei Jahren eine Sache entdeckt, die so simpel klingt, dass man sie fast unterschätzt: Einfach mitschreiben.

Seitdem liegt eigentlich immer ein Blatt Papier oder ein Notizbuch neben meiner Tastatur. Oft nutze ich dafür ganz pragmatisch Papier, das auf der einen Seite schon bedruckt ist. Es muss nichts Edles sein – im Gegenteil.

Die Bremse für die Gedanken-Autobahn

In einem meiner letzten Beiträge habe ich über den «400-Wörter-Minute-Vorteil» geschrieben und wie diese riesige Lücke zwischen unserer Denkgeschwindigkeit und unserem Handeln oft für Reibung sorgt. Genau diese Lücke nutze ich hier bewusst aus.

Unsere Gedanken rasen. Wenn wir versuchen, das alles nur im Kopf zu ordnen, kommen wir kaum hinterher. Schreiben hingegen ist langsam. Die Hand kann niemals so schnell fliessen wie ein Gedankengang. Und genau hier passiert das Wunder: Wir müssen einen Gang herunterschalten. Durch diese erzwungene Entschleunigung fängt das Gehirn fast automatisch an, zu sortieren. Man kann nicht fünf Sätze gleichzeitig schreiben – man muss sich für einen entscheiden. Das allein bringt schon die erste Brise Klarheit in den Nebel.

Was da im Hintergrund passiert

Es ist beruhigend zu wissen, dass das kein Einbilden ist. Die Psychologie bestätigt genau das, was wir beim Schreiben spüren:

  • Raus aus dem Alarm-Modus: Studien zeigen, dass das Benennen von Stressfaktoren das emotionale Zentrum im Gehirn (die Amygdala) beruhigt. Es ist, als würde man dem Stress sagen: «Ich sehe dich, du musst nicht mehr so laut schreien.»
  • Speicherplatz freigeben: Wir «lagern» die Sorgen aus. Das Gehirn bekommt das Signal: «Ok, das ist sicher notiert, ich muss es nicht mehr aktiv jonglieren.» Das schafft sofort Raum zum Atmen.

Das Ritual: Zerreissen und Loslegen

Was mir dabei besonders hilft: Wenn ich alles runtergeschrieben habe und die Ordnung im Kopf wiederhergestellt ist, zerreisse ich das Papier ganz bewusst und werfe es weg.

Das hat etwas unglaublich Befreiendes. Die Probleme, die Deadlines oder die schwierigen Entscheidungen lösen sich dadurch natürlich nicht in Luft auf. Aber das Gefühl verändert sich massiv. Das Zerreissen markiert für mich den Punkt, an dem das Chaos endet und das Handeln beginnt.

Der Nebel verschwindet vielleicht nicht sofort, aber ich sehe wieder, wo ich den nächsten Fuss hinsetzen muss. Es ist eine Art mentale Hygiene – man putzt einmal kurz durch, um wieder klar sehen zu können. Das tut einfach gut!

Mein kleiner Tipp für deinen Pult-Alltag

Du brauchst kein System. Nimm dir ein Blatt Schmierpapier, das sowieso weg müsste. Wenn du merkst, dass es zu viel wird: Kurz anhalten, Stift nehmen und einfach mal «ausleeren», was gerade im Weg umgeht. Und wenn du fertig bist: Zerreiss es.

Es geht nicht darum, dass es schön aussieht oder jemals wieder gelesen wird. Es geht nur um diesen einen Moment, in dem du die Geschwindigkeit rausnimmst und den Pfad wiederfindest.

Hast du das auch schon mal probiert? Oder was ist dein «Anker», wenn der Kopf zu voll wird?

„How do you show up?“ – Warum dein Sein wichtiger ist als dein Tun

Ein Leadership-Impuls zum Jahresende

Das Jahr neigt sich dem Ende zu. In den Führungsetagen und Team-Meetings werden jetzt die Strategien für das nächste Jahr festgezurrt. Budgets, Meilensteine, KPIs. Wir verbringen 90% unserer Zeit damit, zu planen, was wir tun werden.

Aber wie viel Zeit verbringst du damit, dich vorzubereiten, wie du diesen Momenten begegnen willst?

Führung ist keine Checkliste. Führung ist Präsenz. Der englische Begriff „Showing Up“ beschreibt das perfekt. Es geht nicht nur darum, körperlich anwesend zu sein, sondern darum, mit welcher Energie, Haltung und Absicht du den Raum betrittst.

Nutzen wir die Ruhe zwischen den Jahren für eine andere Art der Vorbereitung. Nicht für den perfekten Plan, sondern für die perfekte Präsenz.

Hier ist ein 3-Schritte-Prozess, um dein „Show Up“ für das neue Jahr zu definieren.

1. Die Rückschau: Sammle „Datenpunkte“ statt Urteile

Bevor wir nach vorne schauen, blicken wir zurück. Aber nicht auf die Umsatzzahlen, sondern auf dich.

Betrachte das vergangene Jahr wie ein Forscher. Suche nach Datenpunkten in deinem Verhalten.

  • Erinnere dich an einen Moment, in dem du dich als Führungskraft absolut stimmig gefühlt hast. Wie warst du da?
  • Erinnere dich an einen Moment im Team, der „knirschte“. Wie warst du da? Gestresst? Verschlossen?
  • Wie hast du auf Druck reagiert?

Der Schlüssel: Bewerte nicht („Das war schlecht“), sondern beobachte („Da war ich kurz angebunden und meine Schultern waren hochgezogen“). Diese Datenpunkte sind Gold wert. Sie zeigen dir dein aktuelles Standard-Muster.

2. Die Absicht: Ambition statt starrer Plan

Wir wissen alle: Pläne überleben selten den ersten Kontakt mit der Realität. Eine Intention (Absicht) hingegen ist wie ein Kompass – sie funktioniert auch im Chaos.

Frage dich für das neue Jahr: Wer will ich für mein Team sein?

Es geht hier nicht um eine To-Do-Liste. Es geht um eine Ambition für deine Wirkung.

  • Möchte ich der Fels in der Brandung sein, der Ruhe ausstrahlt?
  • Möchte ich der Funke sein, der Innovation entzündet?
  • Möchte ich der Zuhörer sein, bei dem sich alle sicher fühlen?

Definiere diese Ambition klar. „Ich will als eine Führungskraft ‚auftauchen‘ (show up), die Klarheit und Wärme verbindet.“ Das ist dein Nordstern.

3. Das „Show Up“: Verkörpere deine Absicht

Jetzt wird es konkret. Eine Absicht im Kopf reicht nicht, sie muss im Raum spürbar werden. Hier übersetzen wir die Ambition in physische Realität. Dein Körper kommuniziert, bevor du das erste Wort sagst.

Wie bereitest du dich also auf den nächsten großen Moment vor? Indem du dein „Show Up“ bewusst gestaltest:

  • Körper & Haltung: Passt deine Haltung zu deiner Absicht? Wenn du Offenheit willst, kannst du nicht mit verschränkten Armen dasitzen. Wenn du Stabilität willst, stelle beide Füße fest auf den Boden. Richte dich auf.
  • Mimik: Ist dein Gesicht entspannt oder spiegelt es den Stress der letzten E-Mail wider? Ein bewusster Atemzug kann die Gesichtszüge weicher machen.
  • Wortwahl & Tonfall: Welche Worte unterstützen deine Absicht? Wählst du Worte der Verbindung („Wir“, „Zusammen“) oder der Trennung? Ist deine Stimme hastig oder nimmst du dir Raum?

Fazit: Dein „Show Up“ ist deine Entscheidung

Wir können nicht kontrollieren, was die Wirtschaft macht oder welche Krisen das nächste Jahr bringt. Aber wir haben zu 100% unter Kontrolle, wie wir diesen Umständen begegnen.

Bevor du im Januar das erste Meeting startest oder das erste schwierige Gespräch führst, nimm dir zwei Minuten. Nicht für die Agenda. Sondern für dich.

  1. Checke deine Datenpunkte (Wie fühle ich mich gerade?).
  2. Setze deine Intention (Wer will ich jetzt sein?).
  3. Justiere dein „Show Up“ (Haltung, Atmung, Fokus).

Führung beginnt innen. How will you show up in 202X?