DACH30 Transition to Agile – wie sich die Industrie emanzipiert

Working Together

Hey sag mal bist du auch ein CSM oder ein CSPO? Ah – du bist ein PSM! Oh und du ein PSPO! Du, die da drüben sind alles SSM’s und ein paar SASM’s. Glaub ein ASPM, PAL und CSP ist auch dabei. Sag mal wo bleiben eigentlich die CLP’s??

Wenn das jetzt alles gibberish war für euch dann bloss keine Angst – wir wollen uns heute mal das Million Dollar Business der Zertifizierungsstellen ein bisschen näher anschauen und uns die Frage stellen – do we really need that?

Wurde schon irgendwann mal ein Unternehmen durch Zertifikate agil?

Wir haben sie alle – wir lieben oder hassen sie – aber mit grosser Wahrscheinlichkeit kaufen wir uns alle 2 Jahre ein neues. Ich spreche von den Zertifikaten der Stammorganisationen wie der Scrumalliance.org, Scrum.org, Scaledagile.com und der vielen kleineren Organisationen. Diese Zertifikate bescheinigen gegenüber dritten, dass wir was können (sollten). Sie helfen anderen Menschen zu identifizieren „was“ für ein Typ du bist und was du drauf hast. Nun wir kennen diesen Mechanismus ja schon seit Jahrhunderten. Auszeichnungen, Orden, Rangabzeichen und Statussymbole sind es. Sie kennzeichnen den Menschen gegenüber aussen und verliehen ihm eine zum Teil unabstreitbare Rolle in der Gesellschaft.

Ihr merkt schon – ich bin persönlich kein Riesen Fan von diesen „Plämpeln“. Und sind wir mal ehrlich – habt ihr schon jemals ein Unternehmen gesehen dass durch Zertifikate „agil“ wurde? Äh nein.

Also, warum braucht es diese und gibt es Alternativen dazu?

Ich glaube Zertifikate – und die damit einhergehende Erwartungshaltung an Wissen, Fähigkeiten und Erfahrung – können in grossen sozialen Systemen für rasche Orientierung sorgen. Ich kann also schnell jemanden finden welcher mir mit einem Problem rasch weiterhelfen kann, der mich coachen und entwickeln kann oder welcher einfach eine andere Perspektive mitbringt als ich selber. Also als „Sozio-Marker“ in der sozialen Matrix durchaus sinnvoll.

Was aber leider noch zu oft passiert ist, dass diese Marker zu „Status-Symbolen“ werden, da natürlich die vorher beschriebene Funktion auch als ein mögliches „soziales Gefälle“ gesehen werden kann oder auch häufig recht natürlich sich so anfühlt. Hier müssen wir sehr bewusst damit umgehen.

A million Dollar badge

Heute ist „Agile“ und die Zertifizierungs-Masche zu einer richtigen Goldgrube für die Organisationen geworden. Jedes Jahr durchlaufen Menschen die meist PowerPoint-getränkten Zertifizierungskurse und sind – schwupps! – nach ein paar multiple choice Fragen „Certified XYZ“. Ich glaube ich muss nicht weiter ausholen.

Gut, aller Anfang ist schwer und auch ein bisschen Druckbetankung am Anfang soll nicht schaden. Die Zertifikatskurse sind in den Jahren auch Praxisnaher gekommen und es gibt auch echt gute Coaches mittlerweile..

Jetzt stellt euch aber ein Unternehmen wie z.B. die Schweizerische Post, die SBB oder eine Volkswagen oder Deutsche Bahn vor. Und überlegt mal wie viele Menschen sich da jedes Jahr zertifizieren lassen wollen und auch re-zertifiziert werden müssen. Ein super Business für die einen – nicht so toll für die Unternehmen! Und für die Agilität so ziemlich ein Null-Summen-Spiel als solches. Kommt noch dazu, dass ja in den meisten grossen Unternehmen ein Mix von Frameworks und „Schulen“ existiert – oder man jedes zweite Jahr das Lager wechselt.. Re-zertify that!

Industrie Standard to the Rescue!

So haben sich im Jahr 2016 ca. 15 Vertreter aus Grossunternehmen aus der DACH-Region zusammengetroffen und haben angefangen an einem Mindeststandard für agiles Arbeiten zu tüfteln. Den aktuellen Stand dieses Mindeststandard könnt ihr hier sehen:

https://next-level-working.com

Was war die Idee vom Mindeststandard?

Das Problem mit den Zertifizierungen war nur eines von vielen. Ein viel grösseres war überhaupt eine gemeinsame Sprache für agiles Arbeiten zu finden. Wenn nun ein Unternehmen SAFe nutzte und ein anderes ein eigenes Skalierungsframework, diese beiden Unternehmen aber zusammenarbeiten, dann kann dies zu Problemen in der Kommunikation zwischen den Rollen führen. Ein anderes Problem ist der Wechsel von Mitarbeitern. Mitarbeiter welche z.B. von der Deutschen Telekom zu Daimler wechseln, müssen sich jeweils in neuen Rollen einarbeiten welche vielleicht einfach nur ein bisschen anders ausgestaltet sind. Ihre bisherige Leistung wird aber nicht oder zu wenig honoriert aufgrund von Missverständnissen bezüglich der Rollen und Befähigungsstufen.

Der Mindeststandard für agiles Arbeiten ermöglicht also ein Framework-unabhängiges Verständnis über die wesentliche Gewaltenteilung in der agilen Arbeit und die Rollen darin.

It’s just the beginning

Die Reise der CoP DACH30 Transition to Agile hat erst begonnen.. ich bin gespannt wo die Reise der Transformation der Grossunternehmen noch hingeht. Wer mehr erfahren möchte findet einige Informationen unter next-level-working.com oder meldet sich bei mir.

Bis bald..Hardy

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Zero Marginal Costs – und was das mit Agilität zu tun hat

Der Begriff Zero Marginal Cost wurde von Jeremy Rifkin in seinem 2014 erschienen Buch „Zero Marginal Cost Society“ beschrieben. Erinnern wir uns an die letzte Betriebswirtschaftslehre Stunde an der Uni oder Hochschule: Grenzkosten (Marginal Cost) sind diejenigen Kosten, welche durch die Produktion einer zusätzlichen Mengeneinheit eines Produktes entstehen.

Rifkin hatte schon früh erkannt, dass insbesondere durch die Vernetzung, welche durch das Internet und jetzt immer mehr auch bei physischen Dingen durch das „Internet of Things“, die Digitalisierung erst ihre eigentliche wirtschaftliche Wirkung entfalten kann: immer schneller sinkende Grenzkosten.

Wo die Kosten lagen – wo sie heute sind

Doch was hat dies nun mit Agilität zu tun? Eigentlich so ziemlich alles. Erinnern wir uns an die Zeit als wir noch Software für grosse (relativ) und isolierte Systeme und Anwendungsfälle schrieben. Hier waren die Grenzkosten – also das Erstellen einer weiteren Routine oder einer zusätzlichen Instanz nahezu bei 1:1. Nicht nur die „Herstellung“ der Software war aufwendig, nein auch die Vervielfältigung, Verteilung, Installation und selbstverständlich die (jahrelange) Wartung. All diese „Kosten“ fallen in einer heutigen modernen Architektur praktisch weg. Aber nicht nur das. Die Kosten entstehen heute an „Orten“ wo man es sich das bisher nicht gewohnt war.

Ihr kennt es alle – der Kunde weiss selten was er will – geschweige denn warum eigentlich. Die Komplexität und die Unsicherheit in langfristigen Entscheidungen (Optionen) hat exponentiell zugenommen in den letzten 10 Jahre. Oder, man könnte auch sagen, die Illusion von Stabilität erreicht ganz einfach langsam den Punkt von Realität.. Durch die immer engmaschigere Vernetzung in der Kommunikation hat jeder einzelne von uns Menschen heute ein unglaubliches Wissen welches vor noch nicht mal 10 Jahren komplett unvorstellbar war. Dies ermöglicht eine unglaubliche wirtschaftliche Konkurrenzsituation welche Monopole favorisiert. Mehr dazu in einem zukünftigen Post…

Die Kosten entstehen heute in der Entdeckung der richtigen Lösung oder eben wie es im „Manifesto for Agile Software Development“ in Bezug auf die Software Entwicklung selbst steht:

We are uncovering better ways of developing software by doing it.

www.agilemanifesto.org

Uncover what you think you now

Uncovering ist hier das Schlüsselwort. Zwar geht es schon lange nicht mehr nur um die Software Entwicklung selbst, sondern um den Wert (siehe auch 1. Prinzip) welcher geschaffen werden soll. Und eben genau diese Entdeckungsreise wird heute noch viel zu wenig ernst genommen (OMG wurde Design Thinking in SAFe aufgenommen oder hab ich das geträumt..dafür fehlt jetzt der Kunden :facepalm:).

Hier entstehen heute die Kosten – oder die Quelle für zukünftige Verschwendungen. Daher versuche ich Führungskräften und Teams den Wert des „Upstreams“ und die erstarkte Wichtigkeit von strategischem Denken und Handelns (z.B. mit Wardleymaps) zu erklären. Und hier liegen heute die Grenzkosten sehr hoch da häufig noch keine oder wenige gute Prinzipien und Praktiken vorhanden sind. Gute Ansätze findet man in Praktiken wie Design Thinking, Design Sprints, Lean Startup, etc. Doch der Weg für ein Team, geschweige denn eine ganze Organisation, um diese Techniken auch in das tägliche Denken und Handeln einzubauen scheint aktuell noch sehr steinig zu sein.

In den letzten 10 Jahren haben sich agile Werte, Prinzipen und Praktiken klar von einer Nische zum Mainstream entwickelt. Trotzdem sehe ich noch viele „Agile Shops“ in welchen nicht nur keinen Wert schaffen sondern auch keine Auseinandersetzung mit dem Thema stattfindet. Viele dieser Teams befinden scheinen immer noch im „Delivery“ Level (Agile Fluency) stecken geblieben zu sein. Hey! Es ist bald 2020 – let’s get to the Next Level!

Was meint ihr dazu? Kennt ihr eure Grenzkosten in eurem Vorhaben oder Thema? Freue mich über eure Kommentare – bis bald, Hardy

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