Die Ted-Lasso-Typen in deinem Büro (und warum das kein Kompliment ist)

Anlass für diesen Text: die neue Staffel ist da. Und mit ihr, garantiert, die x-te Welle von „5 Leadership-Lessons von Ted Lasso“-Posts auf LinkedIn. Ted lächelt, Ted backt Biscuits, Ted glaubt an dich. Herzerwärmend. Auch komplett an der Serie vorbei. Zeit für ein paar andere Gedanken zu dieser Coaching-Serie.

Denn Ted Lasso ist keine Anleitung für gute Führung. Es ist eine Serie über Menschen, die ihre eigentlichen Probleme so lange mit guter Laune zukleistern, bis die Laune reisst. Das ist der Teil, den die Linkedin-Zitate immer weglassen. Und genau deshalb lohnt sich ein zweiter Blick — nicht auf Ted, sondern auf dich. Denn irgendeine dieser Figuren sitzt gerade in deinem Meeting. Möglicherweise bist du es.

Ted: der Chef, der so nett ist, dass ihm keiner widerspricht

Was alle sagen: bester Chef aller Zeiten, hört zu, glaubt an sein Team, Wachstumsmentalität in Person.

Was wirklich passiert: Ted witzelt sich durch jede unangenehme Situation, bis er buchstäblich in einer Besenkammer eine Panikattacke hat, weil er nie gelernt hat, ein Problem einfach ein Problem sein zu lassen. Seine Freundlichkeit ist keine Strategie, sie ist ein Fluchtweg.

Kennst du den Kollegen, der jedes Krisenmeeting mit einem Spruch eröffnet und den nie jemand nach seinem eigenen Befinden fragt, weil er selbst nie eine ernste Antwort zulässt? Frag dich: Ist bei dir „positive Kultur“ ein Ort, an dem Probleme gelöst werden — oder einer, an dem sie nur nicht mehr ausgesprochen werden dürfen?

Nate: der Übersehene, dem endlich einer zuhört

Was alle sagen: die traurige Verwandlung vom liebenswerten Underdog zum kleinen Tyrannen.

Was wirklich passiert: Nate wird nicht böse, weil er böse ist. Er wird böse, weil er jahrelang übergangen wurde und beim ersten bisschen Macht sofort dieselbe Härte weitergibt, die er selbst erlitten hat. Das ist keine Charakterschwäche, das ist ein Muster, das in jeder Organisation existiert, die Leute lange ignoriert und sie dann überraschend befördert.

Frag dich: Wer in deinem Team wurde jahrelang übergangen — und was genau erwartest du, dass mit dieser Person passiert, wenn sie plötzlich Verantwortung bekommt, ohne dass sich sonst etwas ändert?

Rebecca: die Chefin, deren Gründungsmotivation längst erledigt ist

Was alle sagen: starke Frau, tolle Entwicklung, übernimmt den Verein aus Rache an ihrem Ex und wird am Ende eine gute Chefin.

Was wirklich passiert: Sie bleibt, nachdem der Racheplan geplatzt ist, die Beziehung zum Ex Geschichte ist und der eigentliche Grund für den Job komplett verschwunden ist. Niemand in der Serie fragt sie, warum eigentlich noch.

Frag dich, ganz ohne Häme: Warum bist du eigentlich noch in deinem Job? Ist der Grund, aus dem du mal angefangen hast, noch derselbe — oder arbeitest du inzwischen aus reiner Trägheit für eine Entscheidung, die eine andere Version von dir getroffen hat?

Roy: der Einzige, der ehrlich flucht, während alle anderen lächeln

Was alle sagen: herrlich grummelig, harte Schale, weicher Kern, running gag mit den Kraftausdrücken.

Was wirklich passiert: Roy ist in einem Umfeld voller höflich verpackter Konflikte der Einzige, der Probleme beim Namen nennt, ohne sie in Wattebausch-Sprache zu wickeln. Er ist unbequem — und meistens der Erste, der recht hat. Sein Fluchen ist kein Temperamentsfehler, es ist die kürzeste Distanz zwischen Wahrnehmung und Aussage, die in diesem Team sonst niemand hinbekommt.

Wer im Meeting die unbequeme Wahrheit ausspricht, während alle anderen sie nur andeuten, wird meistens nicht als der Ehrliche wahrgenommen — sondern als der Schwierige. Falls du dich gerade ertappt fühlst: du bist wahrscheinlich nicht das Problem im Raum. Du bist nur der Einzige, der es benennt. Das macht dich nicht angenehmer in Meetings. Aber es erklärt, warum man dich trotzdem braucht.

Higgins: der Unsichtbare, der den Laden zusammenhält

Was alle sagen: netter Nebencharakter, sorgt fürs Comic Relief mit der Grossfamilie.

Was wirklich passiert: Higgins erledigt in der Verwaltung die eigentliche Arbeit, die den Betrieb am Laufen hält, während Rebecca und Ted die Bühne für sich haben. Er kriegt kaum Anerkennung — obwohl ohne ihn alles zusammenbricht.

Frag dich: Wer bei dir macht die Arbeit, ohne die nichts funktioniert, aber ohne die auch niemand jemals ein Dankeschön verteilt? Und: bist du derjenige, der diese Person mal fragt, wie es ihr geht?

Beard: der Senior, den keiner fragt, bis es zu spät ist

Was alle sagen: schrullig, mysteriös, running gag mit seiner wilden Nacht in Amsterdam.

Was wirklich passiert: Beard weiss fast immer mehr als alle anderen im Raum, wird aber selten aktiv nach seiner Meinung gefragt — er bringt sie nur ein, wenn es kurz vor knapp ist. Stilles, unterschätztes Senior-Wissen, das erst auffällt, wenn es fehlt.

Was bleibt

Die Serie feiert am Ende Empathie und Zusammenhalt — das stimmt. Aber ihre eigentliche, unbequemere Lektion ist eine andere: Freundlichkeit, die echte Konflikte vermeidet statt sie zu klären, ist keine Kultur. Sie ist nur ein netter verpackter Rückstau. Ted lernt das erst, als seine Vermeidung ihn körperlich einholt. Die Frage ist nicht, welcher Charakter am sympathischsten ist. Die Frage ist, welcher Charakter du bist, wenn es in deinem Team mal nicht um Fussball geht — und ob dir das eigentlich gefällt.

PS: Ich bin übrigens voll der Ted Fan, Ich denke es lohnt sich mal einen Blog zu schreiben mit allen den kleinen Coaching-Geheimnissen die in der Serie vorkommen aber keiner sieht sie. 🙂

Veröffentlicht von

Ruedi

Rudolf "Ruedi" Gysi Liebt Produkte welche Kunden begeistern und Forscher zum Thema Iterative Produktentwicklung. Versucht Work-Systems und Social-Systems nachhaltig miteinander zu verbinden damit wertvolle Arbeitswelten entstehen.

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