Wir können das Denken auslagern, das Urteil nicht

Im Sommer 2025 hatte ich ein Problem, das man als Dozent eigentlich nicht haben sollte: Meine Prüfungen waren zu gut.

Ich unterrichte seit Jahren an der Berner Fachhochschule in Biel das Thema Requirements Engineering, eingebettet in ein CAS, rund fünfundzwanzig Lektionen. Vor mir sitzen meist angehende oder gestandene Führungskräfte, die künftig IT-Projekte verantworten oder darin eine Rolle spielen – und die wissen wollen, wie Software eigentlich entsteht. Anspruchsvolle, neugierige Menschen. Genau die Klassen, auf die man sich freut.

Und das Fach selbst war über Jahre ein Geschenk. Requirements ist anfassbar. Jedes Beispiel lebt, jedes Missverständnis zwischen Auftraggeber und Entwicklung lässt sich greifen, jeder schlecht formulierte Anspruch rächt sich sichtbar. Man kann als Dozent kaum etwas falsch machen, weil der Stoff so dankbar ist.

Meine Prüfungen waren immer Open Book. 2024 durften die Teilnehmenden zum ersten Mal auch KI nutzen. Im Jahr darauf waren die Ergebnisse dann so stark, dass ich mich hinsetzen und mir eine unbequeme Frage stellen musste: Wenn jeder mit dem richtigen Werkzeug glänzt – was bringe ich diesen Menschen eigentlich noch bei? Und vor allem: Welche Rolle spielt Requirements in einer Welt, in der die Maschine mitschreibt, mitdenkt, mitformuliert?

Ich habe das Konzept radikal umgeschrieben

Dieses Jahr habe ich den Kurs zum ersten Mal anders aufgebaut. Statt zu dozieren, gebe ich einen Impuls. Ich formuliere ein Beispiel, ein Problem, eine Spannung – und übergebe. Die Teilnehmenden ergründen das Thema in kleinen Gruppen, lösen es, und erarbeiten sich die nötige Methodik gleich mit. Sie lernen nicht zuerst die Theorie, um sie dann irgendwann anzuwenden. Sie brauchen sie, also holen sie sie sich.

Schon am ersten Tag haben sie nicht nur das Problem gelöst. Sie haben einen klickbaren Prototypen gebaut. Wir haben über Anforderungen nicht nur geredet – wir konnten sie ansehen und anklicken. Das hat sich durch sämtliche Lektionen gezogen. Anforderungen wurden vom Papierobjekt zum erlebbaren Ding.

Am Ende stand die Abschlusspräsentation, und auch da war ich schlicht begeistert von dem, was entstanden ist.

Mit derselben Menge an Lektionen haben wir deutlich mehr Themen verarbeitet als je zuvor. Und – das ist mir wichtig, ehrlich zu sein – es waren die Teams, die diese Leistung erbracht haben, nicht zwingend jede einzelne Person für sich. Die Gruppen haben Requirements so tief verstanden wie keine Klasse vorher. Ob das auch heisst, dass jeder Einzelne den Stoff alleine genauso beherrscht, weiss ich nicht. Vielleicht ist das die falsche Frage. Software entsteht ohnehin nicht im stillen Kämmerlein, sondern im Zusammenspiel. Wir haben in diesem Kurs nicht Einzelkönner ausgebildet, sondern Menschen, die mit anderen und mit der Maschine zusammen zu guten Ergebnissen kommen.

Zum ersten Mal wurde eine Aufgabe mit Scherenschnitt gelöst, in über 10 Jahren mit dieser Übung nie passiert.

Brauchen wir die alten Konzepte noch?

Das ist die Frage, die mich seither begleitet. Lehren wir noch die Konzepte? Lernen wir noch die alten Themen?

Meine Antwort ist ein klares Sowohl-als-auch. Wer die Grundlagen versteht, versteht den Prozess besser. Wer weiss, warum eine Anforderung mehrdeutig wird, wo Annahmen versteckt liegen, wie aus einem Wunsch ein Kriterium wird, der stellt der KI bessere Fragen und erkennt schneller, wenn ihre Antwort nur gut klingt, aber nicht gut ist. Das Fundament verschwindet nicht. Es wandert nur an eine andere Stelle.

Denn das eigentlich Spannende war zu beobachten, was passiert, wenn eine Gruppe Menschen gemeinsam mit der KI an einem echten Problem arbeitet und die richtigen Fragen stellt. Dann wird das Ergebnis nicht nur gut – es wird in kürzerer Zeit besser. Und ehrlich: Wie cool ist das eigentlich?

Denken auslagern, ja. Urteilen, nein.

Hier liegt für mich der Kern. Wir können das Denken auslagern – aber nicht das Urteil.

Was die Maschine übernimmt, ist das Generieren, das Entwerfen, das Heranschaffen von Varianten. Sie produziert. Was bei uns bleibt, ist das Unterscheiden, das Beurteilen, der Geschmack. Die KI liefert zwanzig Lösungen, der Mensch erkennt, welche taugt – und warum die anderen neunzehn nicht. Sie schreibt das Anforderungsdokument, wir spüren, dass darin der eine Satz fehlt, an dem das ganze Projekt hängt.

Wir gestalten die Interaktionen. Wir sehen die Probleme. Und wir tragen den Wunsch – oder den Auftrag –, eine Lösung zu gestalten. Das ist nichts, was sich an ein Werkzeug delegieren lässt.

Requirements rückt nach vorne

Wenn ich das ernst nehme, dann wird Requirements in Zukunft nicht weniger wichtig, sondern mehr. Wir bewegen uns weg vom reinen Anforderungsverwalter. Mit Kunden reden, Probleme verstehen, Lösungen erarbeiten, Hypothesen aufstellen und validieren – das rückt in den Mittelpunkt des Entstehungsprozesses, nicht an dessen Rand.

Ich glaube, wir werden ganz neue, spannende Arbeitsweisen sehen. Die KI wird zum Kollegen, zum Sparringpartner. Sie ist schnell, geduldig und nie um eine Variante verlegen. Aber die Kreativität geht deshalb nicht auf sie über. Sie bleibt bei uns – und mit ihr die Freude am Bauen.

Genau diese Energie habe ich bei den Studierenden gesehen. Wie sie mit der KI an ihren Problemen gearbeitet haben, wie schnell aus einer Idee etwas Klickbares wurde, wie sichtbar der Spass war. Das kann die Maschine so nicht. Sie hat keine Freude daran, ein Produkt entstehen zu sehen. Wir schon.

Deshalb bin ich zuversichtlich. Die Zukunft wird anders sein, mit der KI als Arbeitskollegen. Aber ich glaube, wir werden die besseren und die schöneren Produkte bauen. Nicht obwohl wir das Denken teilen, sondern weil wir das behalten, worauf es ankommt: das Urteil, die Gestaltung – und die Freude am Bauen.

Veröffentlicht von

Ruedi

Rudolf "Ruedi" Gysi Liebt Produkte welche Kunden begeistern und Forscher zum Thema Iterative Produktentwicklung. Versucht Work-Systems und Social-Systems nachhaltig miteinander zu verbinden damit wertvolle Arbeitswelten entstehen.