Perspektivenwechsel: Warum ich mich coachen lasse und was ich dabei über meine „Superkraft“ gelernt habe

Als Coach begleite ich Menschen und Teams durch Veränderungsprozesse. Wir sprechen über Ziele, über Hürden und über das Dranbleiben. Doch für mich gehört zu einem professionellen Selbstverständnis zwingend dazu, diese Rolle regelmässig zu tauschen. Ich bin überzeugt: Ein guter Coach muss auch wissen, wie es sich anfühlt, auf dem Stuhl des Coachees zu sitzen.

Aktuell gönne ich mir genau diese Erfahrung in einem 1:1-Coaching. Mein Thema ist ganz persönlich: Gesundheit und Bewegung. Und ich muss gestehen, diese Erfahrung ist eine Lektion in Demut.

Das „Mensch ärgere dich nicht“-Gefühl

Wir alle kennen die Theorie von Veränderungskurven. Wir wissen kognitiv, dass Entwicklung nicht linear verläuft. Aber es emotional zu erleben, ist eine ganz andere Geschichte.

Alle zwei bis drei Wochen habe ich meine Sitzung. Oft gehe ich mit einem guten Gefühl hin, weil ich Fortschritte sehe. Doch dann passiert das Leben. Ein unvorhergesehenes Ereignis, Stress, eine kleine Unachtsamkeit – und plötzlich fühlt es sich an, als würde ich wieder auf „Feld 1“ stehen.

Dieser Moment ist frustrierend. Es nervt gewaltig, sich immer wieder neu motivieren zu müssen, wenn man dachte, man sei schon weiter. Doch genau in diesem Frust liegt für mich als Coach ein riesiger Schatz. Ich spüre am eigenen Leib, was meine Klienten durchmachen. Ich erlebe die Diskrepanz zwischen „Wissen, was zu tun wäre“ und „es tatsächlich tun“.

Die Wiederentdeckung einer alten Eigenschaft

In genau diesen Momenten der Stagnation habe ich mich gefragt: Was hilft mir eigentlich, nicht aufzugeben? Die Antwort fand ich in einer Eigenschaft, die mich schon mein ganzes Leben begleitet, die ich aber lange Zeit eher kritisch beäugt habe.

Ich habe die Fähigkeit, einfach nicht aufzuhören, bevor eine Sache gut oder fertig ist. Früher nannte ich das „Verbissenheit“ oder „Sturheit“. Es war ein Muster, das mich oft an den Rand der Erschöpfung trieb, weil ich keine Grenzen kannte.

Heute, durch die Reflexion im Coaching, konnte ich dieses Muster „reframen“. Ich habe erkannt: Es ist keine Schwäche, es ist meine Superkraft.

Dranbleiben – aber mit „Sustainable Pace“

Der entscheidende Unterschied zu früher ist eine kleine, aber mächtige Ergänzung: Die Pause.

Ich habe gelernt, meine Beharrlichkeit neu zu definieren. Ich höre immer noch nicht auf, bis ich mein Ziel erreicht habe. Aber ich erlaube mir heute, auf dem Weg dorthin Pausen zu machen. Wenn ich zurück auf Feld 1 geworfen werde, renne ich nicht panisch los, bis ich umfalle. Ich atme durch, orientiere mich neu und gehe dann weiter.

In der agilen Welt sprechen wir oft von „Sustainable Pace“ – einem Tempo, das man dauerhaft durchhalten kann. Genau das wende ich jetzt auf meine persönliche Veränderung an. Meine Superkraft ist nicht mehr das blinde Durchhalten, sondern die resiliente Ausdauer.

Ein Gedanke für deine Reflexion

Vielleicht kennst du das Gefühl, in einem Projekt oder einem persönlichen Vorhaben Rückschläge zu erleiden. Vielleicht ärgerst du dich über Eigenschaften an dir, die du als „stur“ oder „langsam“ empfindest.

Ich lade dich ein, genau dort hinzuschauen:

  • Könnte deine vermeintliche Schwäche in einem anderen Licht betrachtet eine Stärke sein?
  • Was brauchst du, um deine Ziele zu erreichen, ohne dich dabei auszubrennen?

Manchmal ist der Schritt zurück auf Feld 1 gar kein Scheitern, sondern nur der Anlauf für die nächste, nachhaltigere Runde.

Welch eine Überraschung!

Facilitation Nr.2

Habt ihr schon einmal erlebt, dass ihr etwas, das ihr schon hundertmal gemacht habt, plötzlich gegen die Wand gefahren habt? Genau das ist mir am Samstag beim zweiten Modul zur Facilitation passiert.

Lassen Sie mich kurz zurückblicken:

Wir als Teilnehmende bekamen die Gelegenheit, eine kurze 30-minütige Sequenz als Facilitator/in zu übernehmen. Ich dachte, dass jemand, der bisher wenig bis gar keine Erfahrung damit gemacht hat, diese Chance nutzen sollte. In meinem beruflichen Alltag hatte ich bereits oft die Gelegenheit dazu, und so wollte ich die Bühne lieber anderen überlassen. Doch am Samstag, kurz vor dem Mittagessen, gab es erneut den Aufruf: Wer möchte es am Nachmittag versuchen? Und hier passierte das Klassische: Niemand meldete sich. Jeder dachte im Stillen, dass sich jemand anderes melden sollte. Obwohl wir uns am Morgen genau mit dem Thema „Stille aushalten“ beschäftigt hatten, konnte ich es nicht lassen und meldete mich als Zweite, obwohl ich es nicht wirklich wollte. Ich hatte einfach Hunger und wollte zum Mittagessen…

Der Auftrag wurde uns beiden erklärt, und ich ging erst einmal zum Mittagessen.

Nach dem Essen schrieb ich kurz einen Satz auf das Flipchart, legte ein paar Post-its und Stifte bereit – und fertig. Als Methode entschied ich mich, etwas Neues auszuprobieren, das ich selbst noch nie gemacht hatte: 1-2-4-All von Liberating Structures. Ich dachte, ich sei gut vorbereitet…

Dann ging plötzlich alles sehr schnell, da es bereits Samstagnachmittag war, und wir um 17 Uhr Schluss machen mussten. Ich richtete den Stuhlkreis schnell her, damit alle sich hinsetzen konnten, begrüßte herzlich alle und stellte den Auftrag vor. Normalerweise mache ich das mit einer kurzen Geschichte (Storytelling) aus meinem Berufsalltag, aber dieses Mal hatte ich mir nicht genug Gedanken dazu gemacht. Die Nervosität stieg, also beschloss ich, einfach mit der Methode zu beginnen. Schließlich musste ich sie ja nicht erklären, da sie alle kannten. Aber wie kam ich auf die Idee, dass alle anderen auch genau wussten, worum es ging? Außerdem waren es fünf Teilnehmende und ich, also beschloss ich, einfach mitzumachen, damit es funktioniert. Doch das war nicht so einfach, denn ich musste gleichzeitig auf die Zeit achten. 1-2-4-All war getaktet auf 1 Minute – 2 Minuten – 4 Minuten. Das funktionierte natürlich überhaupt nicht! In meinem Kopf war Chaos, und ich verstrickte mich total. Bei „All“ geht es darum, Ideen mit der Gruppe zu teilen. Jeder klebte seine Zettel auf das Flipchart, und eine Diskussion begann. Grundsätzlich war das gut, aber es gab große Meinungsverschiedenheiten, und meine Unsicherheit übertrug sich vollständig auf die Gruppe. Jeder Versuch, die Kontrolle zurückzugewinnen und die Sache zu lenken, scheiterte, und ich wurde immer kleiner. Außerdem fühlten sich alle unwohl. Das Ergebnis entsprach überhaupt nicht dem, was ich geplant hatte. In solchen Momenten können 30 Minuten leider sehr lange sein.

Mein Fazit für mich:

  1. Auftragsklärung mit dem Auftraggeber: Egal wie klein oder kurz der Auftrag ist, ich werde in Zukunft nachfragen, was das Endziel ist. Denn mein Ziel habe ich nicht erreicht, aber vielleicht war das auch gar nicht gefragt.
  2. Wer sind meine Teilnehmenden? In diesem Fall handelte es sich um eine Gruppe, die daran gewöhnt ist, zu leiten und dies auch in unsicheren Situationen sofort tut. In Zukunft werde ich besser darüber nachdenken, wie ich Raum geben und gleichzeitig lenken kann.
  3. Methodenwahl: In hektischen Situationen werde ich nur noch Methoden wählen, die ich gut kenne und die sich für die Anzahl der Teilnehmenden oder die Situation eignen. Experimente mache ich nur, wenn ich genug Zeit habe und die Gruppe gut kenne.
  4. Resonanz: Unsicherheit überträgt sich auf die Gruppe. Ich werde überlegen, wie ich in solchen Situationen besser damit umgehen kann.
  5. Und zu guter Letzt: Wenn ich etwas nicht tun will, lasse ich es bleiben. Hunger ist keine Entschuldigung!

Habt ihr ähnliche Situationen erlebt und welches Geschenk habt ihr daraus gezogen?

Was machst du für eine Weiterbildung? Facilitation?!?

Wenn ich Anfang Jahr schon gewusst hätte, wie einfach ich erklären kann, was Facilitation ist, wären mir viele lange Gesichter erspart geblieben. Aber dazu startet man ja eine Ausbildung, um neues dazu zu lernen und mit bekanntem zu verknüpfen.

Also kurz und bündig:

facilitation academy Berlin/ Jutta Weimar

Mein erstes Modul der Ausbildung zum Facilitator hat letze Wochenende in Berlin gestartet und ich bin genau am richtigen Ort gelandet. Es ist so viel mehr als nur die Moderation eines Workshops oder die Visualisierung auf eine Flipchart. Vielmehr geht es dabei um einer Gruppe den Raum zu geben, ihr Bestes zu geben. Danke Jutta und Frederick, dass mir das bereits am ersten Tag klar wurde.

Meiner Meinung nach steht ein guter Facilitator nicht im Mittelpunkt ist aber trotzdem immer präsent. Das bedeutet, dass ich mich und meine Rolle dabei kennen muss.

Eine saubere Auftragsklärung und ist meiner Meinung nach das A und O für meine Arbeit und gleichzeitig auch der schwierigste Teil daran. wie finde ich heraus was nicht nur der Auftraggeber will sondern die Gruppe braucht? Ich habe gelernt nicht nur meinen Auftraggeber zu fragen sondern einen Klärungstermin mit der Gruppe oder einer repräsentatives Anzahl Teilnehmende durch zu führen. dazu brauche ich nur eine Frage: Was ist anders am Tag nach der Veranstaltung? Freu mich schon es auszuprobieren.

Wie klarst du deinen Auftrag?