Agilität hat ein Herz

Wenn Agilität nicht das bringt, was man sich erhofft

Ich habe in vielen Organisationen erlebt, wie grosse Erwartungen an Agilität geknüpft werden – mehr Innovation, zufriedenere Kunden, schnellere Ergebnisse. Oft werden neue Teamstrukturen, Rollen, Meetings und Boards eingeführt, und alle machen irgendwie mit. Doch die erhofften Früchte lassen auf sich warten. Stattdessen höre ich immer wieder Klagen über zu viele Meetings, unklare Verantwortlichkeiten oder Tätigkeiten, die von der eigentlichen Arbeit abhalten.

Mir ist dabei immer wieder aufgefallen: Häufig werden Prozesse und Rituale eingeführt – manchmal fast übergestülpt –, ohne dass sich wirklich etwas an der Haltung oder am Miteinander ändert. Für mich zeigte sich: Die Technik oder das Framework allein reicht nicht.

„A fool with a tool is still a fool!“

Ein sehr passender Spruch (leider weiss ich nicht, von wem er stammt). Selbst das beste Werkzeug bringt wenig, wenn man nicht versteht, wofür es da ist – oder wenn die innere Haltung nicht dazu passt. Für mich ist Agilität deshalb weit mehr als Methoden, Rollen und Tools. Sie ist eine Haltung.


Auf der Suche nach dem Kern von Agilität

Früher habe ich mich an den Prinzipien des Agilen Manifests orientiert. Es ist zwar kein ellenlanges Dokument, dennoch ist es schwierig, sich alles zu merken und für alle sich damit zu identifizieren, da es doch aus der Perspektive der Softwareentwicklung entstanden ist.

Vor gut drei Jahren bin ich zufällig auf das Herz der Agilität gestossen. Es ist ein Denkmodell von Dr. Alistair Cockburn (übrigens Co-Autor des Agilen Manifests), der aufgrund der zunehmenden Verwässerung von Agilität durch verschiedene Frameworks und Interpretationen wieder zur Klarheit und Einfachheit der agilen Bewegung zurückkommen wollte. Er hat die Essenz auf das absolut Wesentliche reduziert: vier Worte – nein, Handlungsaufforderungen! – die alles umfassen:

Bildquelle: https://heartofagile.com/

Diese Worte bilden für mich seither so etwas wie einen inneren Kompass. Sie helfen mir, in jeder Situation den Blick aufs Wesentliche zu richten.


Ein gemeinsamer Kompass in der Praxis

Mit dem Heart of Agile schaffe ich es immer, alle ab- und ins gleiche Boot zu holen.

  • Wenn ich Teilnehmende in einem Kickoff-Workshop zu irgendeinem agilen Arbeitsmodell frage, was sie unter Agilität verstehen…kann ich alle Antworten diesen vier Begriffen zuordnen.
  • Wenn sich die Leitenden verschiedener Abteilungen schwer tun, mit einer Abteilung, die mit Kanban arbeitet, anzuknüpfen…finden sie in diesen vier Worten eine gemeinsame Sprache.
  • Wenn ich ein Team in der Umsetzung von Scrum coache, sind sie nicht Betroffene im Widerstand…sondern – vorsichtig aber zunehmend – Beteiligte, die sich mit Fragen und Ideen einbringen, wie sie diesen vier Handlungsaufforderungen in der Organisation noch besser nachkommen können.

Agilität jenseits von Frameworks

Überleg mal, inwiefern Scrum, Kanban und andere agile Arbeitsmodelle das Herz von Agilität in sich haben.

Für mich lebt jedes dieser Modelle auf seine Weise die vier Prinzipien: zusammenarbeiten, liefern, reflektieren, verbessern.

Und nun lehne ich mich vielleicht etwas weit aus dem Fenster, aber ich glaube: Eine Organisation kann auch ohne Framework wirklich agil werden – wenn sie sich konsequent an diesen vier einfachen Handlungsaufforderungen orientiert.

Ich selbst hatte bisher noch nicht die Gelegenheit, das auszuprobieren. Gleichzeitig sehe ich in Frameworks und Modellen wie Scrum, Kanban, Flight Levels, LeSS oder unFix wertvolle Impulse – gerade für Organisationen, die nach Stabilität und Sicherheit streben und den Mut brauchen, aus ihrer gewohnten „Box“ auszubrechen und Neues zu wagen.


Mein Fazit: Ohne Herz keine echte Agilität

Ob Scrum, Kanban, Flight Levels oder andere Modelle – jedes bringt eigene Stärken mit, doch alle leben auf ihre Weise die Grundprinzipien des Heart of Agile. Wenn ich Teams und Organisationen unterstütze agil/er zu werden, frage ich regelmässig:

  • Wie gut arbeiten wir wirklich zusammen – als Team, als Führung, mit Kunden und Stakeholdern?
  • Liefern wir wirklich Wert?
  • Reflektieren wir ehrlich, was gut und was weniger gut läuft?
  • Und verbessern wir uns bewusst – Schritt für Schritt?

Ansonsten bleibt auch die beste Struktur nur Fassade. Denn Agilität beginnt für mich nicht mit Tools oder Rollen – sondern mit einer Haltung. Und die hat, wie Cockburn sagt, ein ganz einfaches Herz. ❤️

Agile Methoden sind Blödsinn!

Viele Leute, mit denen ich zu tun habe, sind frustriert, enttäuscht oder abgeneigt gegenüber Agilität. Ihre Firmen führen Agilität ein über Scrum oder Kanban oder LeSS oder SaFe – und wie sie alle heissen. Den Mitarbeitern werden diese Ansätze als agile Methode vorgestellt, welche bestimmte Strukturen (Meetings, Rollen, Abläufe) mit sich bringt. An diesen Strukturen halten sich Mitarbeiter nur zu gern fest. Das ist menschlich. Denn etwas Neues bedeutet Veränderung – logisch. Und wir Menschen suchen immer wieder Orientierung, um uns sicher zu fühlen, uns zu stabilisieren. Nur orientieren sich die meisten, welche agil werden wollen, am Falschen: an (scheinbar) starren Strukturen vermeintlicher Methoden zur Agilität. Ich höre dann Aussagen wie: „Agilität ist Blödsinn!“ oder „Agilität funktioniert bei uns nicht“. Und ja, agile Methoden sind Blödsinn!

Doch die oben genannten agilen Ansätze sind keine Methoden. Sie sind kein planmässiges und folgerichtiges Verfahren. Es sind Rahmenwerke. Die Strukturen, welche diese anbieten, dürfen nicht als die absolute Wahrheit oder eben „one-size-fits-all“-Lösung verstanden werden. Ich sehe in ihnen mehr eine gute Praxis, eine erste Anregung. In der Theorie machen die dargebotenen Strukturen total Sinn…doch sie sind in einem kontextlosen Raum. In der Realität treffen sie immer auf einen bestimmten Kontext…und machen mehr oder weniger Sinn – meist weniger. Dann sind sie Blödsinn.

Agilität ist eben nicht Strukturen, sondern Prinzipien. Alle agilen Rahmenwerke bauen auf bestimmten Prinzipen* auf. Und diese übersehen die meisten leider bzw. sie übergehen sie schnell.

Für mich sind neue Strukturen, also organisationelle Veränderung, nicht Agilität, sondern eine inherente Folge davon. Nicht die Agilität gestalten die Organisation neu, sondern die Mitarbeiter aufbauend auf agilen Prinzipien. Und ja, richtig gelesen. Mitarbeiter (!!!) sollen zusammen gestalten, wie sie sich organisieren. Und zwar alle Mitarbeiter einer Organisation (Führung miteingeschlossen) im Dialog. Das verstehe ich unter den im Zusammenhang mit Agilität oft benutzten Schlagwörtern „Selbstorganisation“ und „Ko-Kreation“.

Agilität ist keine fertig gebackene Lösung, geschweige denn ein Rezept. Agilität ist ein Kompass. Der Kompass zeigt auf Prinzipien, an denen sich die Mitarbeiter orientieren sollen, um so die beste Lösung in ihrem Kontext gemeinsam und kontinuierlich zu gestalten.

* Das agile Manifest, Scrum Säulen & Werte (S.4), Kanban Prinzipien, LeSS Prinzipien